Datum: Donnerstag, 04. Juni 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

Als Schüler habe ich gerne die deutschen Heldensagen gelesen. Die Gestalt des Siegfried hat mich fasziniert. Ein großer Held, der sich für unverwundbar hält. Doch er hat eine verwundbare Stelle, dort wo beim Baden im Drachenblut ein Lindenblatt auf seine Schulter gefallen ist. Vergleichbar dazu ist es in der griechischen Mythologie die Achillesferse.

Sie existiert, die verwundbare Stelle!

Wir Menschen, besonders in der sog. westlichen Welt, hielten uns ebenfalls für unverwundbar mit all den technischen, wirtschaftlichen und medizinischen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen. Bis das Coranavirus begonnen hat unser aller Leben zu verändern und Sicherheiten erschüttert hat.

Der 5. Fastensonntag ist in der Tradition der Kirche der sog. Passionssonntag, von dem an bis Karfreitag das Leiden Jesu und sein Tod am Kreuz uns allen besonders vor Augen stehen. Als Christen sollen wir uns nun jener zentralen Mitte annähern, die unserem Glauben Stand gibt und unserer Hoffnung Grund: das Leiden, den Tod und die Auferstehung unseres Herren Jesus Christus.

Wir verehren einen verwundbaren Gott. Keinen auf den ersten Blick strahlenden Helden.

Gott wird Mensch. Er lässt sich verwunden. Am Kreuz ist Jesus tödlich verwundet worden. Er zeigt seine Wunden öffentlich. Er hat sich verwunden lassen, um uns Menschen zu retten.

Jesus ist den Menschen nachgegangen, die verwundet waren. Jesus hat unsere Wunden mitgetragen. Er hat unsere wunden Stellen durchgetragen. So ist er zum Heiland geworden.

Die frühen Theologen der Kirche (3./4. Jh.) bezeichneten Jesus als den verwundeten Arzt. Er heilt, indem er sich selbst verwunden lässt.

Liebe Schwestern und Brüder, wir erfahren unsere Verwundbarkeit während der Corona-Pandemie in drastischer und erschreckender Weise. Daher mein Vorschlag für den 5. Fastensonntag und die kommende Woche: Schauen Sie zu Hause auf das Kreuz mit dem Gekreuzigten, auf Jesus, den verwundeten Arzt.

Als Gebet eignet sich "Seele Christi" (Gebetbuch Nr. 6,4). Es gilt als Kurzformel des christlichen Glaubens. Dort heißt es: "Birg in deinen Wunden mich".

Diese Geborgenheit wünsche ich Ihnen in diesen Tagen!

Ihr Ralf-M. Willmes, Pfarrer

54320 Waldrach, 27.03.2020

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