Datum: Montag, 20. November 2017

Gleichsam als Wahrzeichen weithin sichtbar überragt inmitten des Dorfes auf halber Höhe die Kirche St. Nikolaus den Ort. Ob wegen der großen Entfernung zur Klosterkirche in Trier genau an dieser Stelle und wann die erste irminische Kapelle erbaut worden oder ob die des Paulinerstiftes im „Unterbenninger Hof“, der Hl. Katharina geweiht, älter gewesen ist, das lässt sich heute nicht mehr feststellen.Baudaten und Baubeschreibungen sind nicht überliefert. Ältester Bauteil ist ein geosteter, zweiachsiger Saalbau mit giebelseitigem Dachreiter, in dem die Nikolausglocke von 1684 ihren Platz hat.

Der irminische Teil Kasels war, was die Seelsorge anging, schon  immer eine Filiale der Pfarrei Waldrach. 1256 wird ausführlich über eine große Auseinandersetzung der Mutterkirche mit ihrer Tochter, die stets die Selbstständigkeit anstrebte, berichtet. Die Pfarrei nahm sicherlich sehr verärgert die Entscheidung des Trierer Dompropstes Simon zur Kenntnis, die zu Gunsten Kasels ausgefallen war und die Kapelle als Filiale „mit besonderen Rechten“ auswies.

Der Streit schwelte weiter. 1268 ging die kirchengerichtliche Entscheidung „sub poena excommunicationis“ dahin, dass die irminischen Filialisten 1/3 der Kosten zur Unterhaltung der Pfarrkirche zu tragen und jährlich 7,5 Maß Öl für die ewige Lampe vor dem Kruzifix der Mutterkirche zu liefern hatten. Die Kinder mussten in der Pfarrkirche getauft werden, und die Gläubigen sollten dort an den drei Hochfesten dem Gottesdienst beiwohnen. Wie gewohnt hatten sie am Sendgericht in der Pfarrkirche teilzunehmen.

Aus diesem Urteil geht hervor, dass Kasel in seiner Kapelle sonn- und feiertäglichen Gottesdienst hatte. Zudem war ein eigener Friedhof gestattet. Alles in allem hatte somit die Tochterkirche tatsächlich sehr bemerkenswerte Sonderrechte, mit denen späterhin mancher Pfarrer nicht einverstanden war, was dann wiederum zu Spannungen und auch Änderungen führen musste.

1708 wird bei der Visitation der Bauzustand der Nikolauskapelle gerügt. Der Kellner von St. Irminen, Magnerich Diendorf, bot sich an, die Kosten für einen besseren Neubau zu übernehmen, wenn die Kaseler die notwendigen Hand- u. Spanndienste übernähmen, was dann auch geschah. Renovierungen und Sanierungen setzten sich bis ins 20. Jahrhundert in schöner Regelmäßigkeit fort.

Der o. g. Magnerich Diendorf erwies sich auch weiterhin als Förderer der Filiale. In seinem Testament setzte er eine bedeutende Summe fest, damit alle Sonn- und Feiertage die Frühmesse, alle Dienstage eine Hl. Messe und weitere 35 Jahrgedächtnisse gehalten werden konnten.

Das Visitationsprotokoll von 1715 nennt den Hl. Nikolaus ausdrücklich als Kirchenpatron, die Apostel Simon und Thaddäus als Nebenpatrone. Am Sonntag vor deren Fest sollte in Kasel Kirchweih gefeiert werden (Das Nikolauspatrozinium fällt in die Zeit des Advent.). Die Renovierung der Kirche war zufriedenstellend ausgefallen, was im Visitationsbericht von 1739 ausdrücklich festgestellt wurde.

Regelmäßig lösten Kirchbauzeiten mit ihren Pflichten, große Renovierungen der Mutterkirche oder andere Forderungen den Protest der Filialisten aus. Während des Neubaus der Waldracher Kirche von 1754-1756 machte Kasel wieder den Versuch, von allen Verpflichtungen loszukommen und strengte einen Prozess an, der in Trier durch alle Instanzen lief. Es ging hin und her, und schließlich konnte doch keine Neuregelung gefunden werden.

Schon 1780 musste die Kaseler Kirche wieder saniert werden. Am 20. März hieß es :

Wir belegen die baufällige Kirche in Kasel, auch wegen der außerordentlichen Häßlichkeit des Baues, mit dem Interdikt.“

Die Filialisten durften während der Bauzeit im Kapellenraum des Pauliner Stiftshofes ihren üblichen Gottesdienst feiern, was ihnen den weiten Weg nach Waldrach ersparte. Am Patronatsfest 1781 wurde die renovierte Kapelle benediziert. Sie maß 44 Fuß in der Länge und 22 Fuß in der Breite und galt als „gut und geräumig“ .Der eigene Friedhof durfte beibehalten werden. 1789 erfuhr das Gebäude nochmals bauliche Verbesserungen.

 

Inventar der Kapelle 1792

 

  1. Ein schöner neuer Altar auf römische Art; 4 versilberte Leuchter von Holz; eine neue Kommunionbank; 12 neue Kirchenstühle
  2. Ein Kelch von silberner Kub, vergoldet, der Fuß von Kupfer, vergoldet; ein neues Ziborium; eine Pyxis für die Wegzehrung und das Krankenöl; eine kupferne Kirchenampel; ein kupferner Weihwasserkessel; ein kupfernes Rauchfaß; eine kupferne Laterne; zwei zinnerne Meßkännchen mit einem Teller.
  3. Ein neuer Sakristeischrank; vier Meßgewänder; drei Alben; ein Chorröckel, vier Korporalia, sechs Purifikatoria; ein Kommunikantentuch; ein Altartuch; ein großes Handtuch; einige kleine Handtüchelchen.
  4. Ein römisches Missal; ein Missale defunctorum; eine neue große Agende nebst den zwei kleinen Handagenden; ein römisches Graduale; eine große Staubbürste; eine kleine Handbürste; eine kupferne Schelle, ein eiserner Kerzenstock.

 

Anm.: Die genannte Kommunionbank ist zum Teil an der Front der Empore erhalten. Der Aufsatz des Sakristeischranks war ein Prachtstück, reich barock verziert und in einer geschnitzten Kartusche mit der Jahreszahl 1792 versehen. Er „verschwand“ (!) unter Pfr. Karp. Nachfragen über den Verbleib blieben ergebnislos. Der heutige Schrank wurde in der Schreinerei Peters, Kasel, hergestellt.

 

Mit dem Neubau der Filialkirche wuchs in Kasel wieder die Hoffnung eigenständig zu werden. Deshalb wurden die alten Verpflichtungen amtlich neu festgelegt. Die irminischen Kaseler mussten

-          Taufe und Ehesakrament in der Pfarrkirche empfangen,

-          viermal jährlich mit den Waldrachern zum Opfer gehen,

-          die Sonn- u. Feiertagsmesse vom Pfarrer selbst lesen oder durch einen anderen Priester lesen lassen.

Man hatte sich in Kasel mit den Auflagen von oben nicht einfach gefunden und heiratete beispielsweise noch vor 1800 entgegen der früheren Weisung in der Filialkirche. „Dieses letztere (= Eheschließung in der Mutterkirche) ist niemals anders als mit größtem Zwang geschehen. Tut Pastor selbe in der Filialkirchen kopulieren, so haben selbe es einer bloßen Gütigkeit, nicht aber Schuldigkeit des Pastoris zu Waldrach zu verdanken.“

Bei der Neuordnung aller Pfarreien der Diözese Trier 1803 blieb Kasel trotz aller Beharrlichkeit in Bezug auf Selbstständigkeit Filialkirche, erreichte aber am 6. Juni 1804 durch eine vorläufige bischöfliche Verfügung, dass eine Frühmesse an Sonn- und Feiertagen gelesen wurde unter den Bedingungen: 1. „daß die Filialisten damit nicht Mißbrauch treiben...“ und 2. „daß die Jugend von Kasel pflichtschuldigst zum Katechismusunterricht in Waldrach erscheint.

 

1905 kam es in Waldrach zum Neubau der heutigen Pfarrkirche in neugotischem Stil. Kasel forderte wieder die Entlastung von ihrer Beitragspflicht und die Trennung von Waldrach. Man wandte sich nicht nur an die kirchliche, sondern auch an die weltliche Obrigkeit. Aus Gründen der damals genannten Kosten, die durch die Erhebung zur Pfarrei entstanden wären, nahm man schließlich davon Abstand.

Wegen der stetig gestiegenen Bewohnerzahl entschloss man sich, den Kirchenraum zu erweitern. Es wurde ein Kirchenbauverein ins Leben gerufen und Geld wurde gesammelt. Durch die Inflation der 20er Jahre war alles wertlos geworden, so dass das Sammeln von vorne begann. Im Herbst 1926 war die ersehnte und festliche Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau, der bis heute den Ansprüchen genügt.

Die alte Kapelle wurde nach den Vorstellungen des Architekten Josef Monz aus Trier als Vorhalle - heute allerdings bestuhlt - und Empore in den geplanten Neubau einbezogen, der als dreischiffige Basilika mit niedrigen Seitenschiffen und einem Chorturm über die gesamte Breite der Südseite quer ansetzt. Der Ursprungsbau ist als größere Kapelle ein typisches Beispiel Trierischer Bautradition und weist in der Giebelfront ein Portal mit Nischenaufsatz auf. Aus hellem Ton gebrannt befindet sich dort eine Nikolausstatue des 21. Jahrhunderts, geschaffen von Heinrich Feld aus Trier.

In der Giebelfont eingemauert erkennt man einen noch nicht sicher gedeuteten Wappenstein, der vermutlich einer vermögenden Trierer Bürgerfamilie zugeordnet werden kann.

Der vierachsige Neubau ist wie der Altbau durch rundbogige Fenster charakterisiert, wobei die rhythmische Verteilung im Hauptschiff und in den untergeordneten Seitenschiffen variiert. Der rechteckige Chorturm mit apsidialem Ausbau ist durch ein Krüppelwalmdach mit Dachreiter individuell akzentuiert. In diesem Chorturm läuten drei 1957 in Saarburg gegossene Glocken.

Die feierliche Benediktion der neuen Dorfkirche erfolgte unter großer Anteilnahme der Dorfbevölkerung am Fest des Kirchenpatrons am Sonntag, dem 9. Dezember 1928 durch den Dechanten und Pfarrer Schawel aus Ruwer. Fortan fand regelmäßig an Sonn- und Feiertagen in Kasel die Frühmesse und in Waldrach das Hochamt statt. Der Pfarrer wurde jeweils mit einem Einspänner in Waldrach abgeholt und auch wieder zurückgebracht.

Nach der durch den Bau eines Pfarrhauses bedingten finanziellen Anstrengung kurz nach dem 2. Weltkrieg unter Pastor Michael Hammes sah dessen Nachfolger Dr. Alfons Martz die Notwendigkeit, Kirchengebäude und Außenanlage von Grund auf zu sanieren. Die 1956 begonnenen Arbeiten wurden über viele Jahre fortgesetzt und konnten erst nach mehreren Phasen 1990 unter Pfarrer Richard Feichtner abgeschlossen werden.

Nach dem Neubau der Außenmauern erhielt der Schieferbau 1957 einen weißen Kellenputz, das Innere einen hellen Anstrich mit dezenten farblichen Verschönerungen der Verzierungen und das Chorgewölbe über dem Altar ein neubarockes Deckengemälde. Die Malerarbeiten führte der in Süddeutschland bekannte oberschlesische Kirchenmaler Karl Platzek aus. Dieses Deckengemälde war bei der Generalsanierung unter Pfarrer Steinmetz nicht mehr zu retten (1971). Feuchtigkeit war in die dünne Gewölbedecke eingedrungen, so dass diese an mehreren Stellen erneuert werden musste.

Endlich eigenständige Pfarrei

In Anbetracht so mancher Spannungen über Jahrhunderte zwischen der Mutterkirche und der selbstbewussten, nicht immer bequemen Filiale nimmt es fast wunder, wie einmütig die Kirchenvorstandsmitglieder im 20. Jahrhundert die Einrichtung zweier eigenständiger Pfarreien beschlossen haben. Zur friedlichen Trennung hat die ausgleichende Art des damaligen Pfarrers Franz Xaver Friedrich wesentlich beigetragen. Voraussetzungen waren einmal die angewachsene Bevölkerungszahl Kasels und zum andern die Erweiterung und Ausstattung der Dorfkirche.

In freundlicher Atmosphäre und einstimmig genehmigte am 18. Februar 1940 der Kirchenvorstand in Waldrach den von Pfarrer Friedrich an das Generalvikariat in Trier gestellten Antrag, in Kasel eine Expositur einzurichten. Die offizielle Genehmigung trägt das Datum vom 20. Februar 1940, und schon am 3. März konnten die Kaseler ihren ersten eigenen Seelsorger begrüßen: Pastor Alois Winkel, vormals Religionslehrer in Saarbrücken. Die weiteren Schritte zur Selbstständigkeit erfolgten dann nach dem 2. Weltkrieg:

 

-          Erhebung zur Pfarrvikarie kraft Urkunde des Bischofs von Trier vom 1. Januar 1947 und der Bestätigung durch den Regierungspräsidenten vom 16. Februar 1947.

-          Rang einer Pfarrei am 16. Februar 1961.

 

Wegen des allgemeinen Priestermangels wurden Anfang des 21. Jahrhunderts die Dekanate und Pfarreien des Bistums Trier neu eingeteilt. Heute gehört die Pfarrei St. Nikolaus Kasel zu einer Pfarreiengemeinschaft im Dekanat Hermeskeil-Waldrach.

 

Herrmann Jakobs