Datum: Freitag, 17. November 2017

Krieg
Es ist ein ganz gewöhnlicher Abend, wir sitzen mit einigen Maltesern nach der Arbeit zusammen, die Stimmung ist locker. Es wird gescherzt und gelacht. Nebenbei laufen im Fernsehn die Nachrichten, aber eigentlich sind wir alle zu sehr mit „Wackelturm“ spielen beschäftigt, als dass jemand hinhören oder sehen würde. Dann wird es still, auf einmal sind die Nachrichten doch einen Blick wert: Junge Männer in Militäruniform, Panzer, Kriegsbilder. Der Krieg im Osten des Landes ist zwar geografisch weit entfernt, aber in den Köpfen und Herzen auch hier präsent, immer und überall. Er beeinflusst das Leben der Menschen um mich herum, und mich in meinem Freiwilligendienst. Er verursacht einen bitteren Beigeschmack, auch wenn die Stimmung ausgelassen und gut ist. Dieser Rundbrief soll davon erzählen. Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was ich denke und fühle über den Krieg in der Ukraine und ich habe mich lange davor gedrückt es zu formulieren. Gleichzeitig war mir klar, dass mein nächster Rundbrief sich damit beschäftigen muss, damit ich nicht das Gefühl habe, zu lügen bei allem was ich sonst erzähle. Das abstrakte Wort „Krieg“ hat sich für mich in den letzten Monaten mit Bildern und Emotionen gefüllt, und das, obwohl ich alles nur passiv und aus der Beobachterperspektive erlebe. Darum soll es in diesem Brief gehen:

Immer wieder, erwartet oder unerwartet, werde ich hier mit dem Thema Krieg konfrontiert: Das große Stück Metall im Büro, dass mir als „Souvenir aus Russland“ vorgestellt wurde, und bei dem es sich um ein Stück der Bombe handelt, die 300m entfernt von der Malteserfeldküche in Mariupol in der Ostukraine explodiert ist. Die E-Mails zur humaniträren Hilfe in Kriegsgebieten, die über das Malteserbüro laufen, weil wir übersetzen können und die vielen, viel zu jungen, Männer in Uniform überall. In der seit über 70 Jahren friedlichen EU aufgewachsen, ist mir das fremd. Trotz allen Nachrichten aus Kriesengebieten, wie Syrien, dem Irak oder eben der Ukraine, die auch einen friedliebenden Westeuropäer täglich erreichen, geht das Thema einen scheinbar nicht an. Geschichtsunterricht, Museen und die vielen Filme über den 1. und 2. Weltkrieg lassen Kriege als etwas Vergangenes erscheinen. Natürlich wusste ich auch, bevor ich in der Ukraine gelebt habe, dass Kriege auch heute existieren, dass Menschen gegeneinander kämpfen, aufeinander schießen, aus für mich größtenteils unverständlichen Gründen. Trotzdem war es ein Thema, das ich nicht zu nah an mich herangelassen habe. Lieber bin ich
mit einer Friedenstaube am Rucksack und einem Peacezeichen um den Hals durch mein so friedliches und behütetes Deutschland gelaufen. Habe mich politisch engagiert, gegen Nazis, Atomkraftwerke oder TTIP, aber irgendwie nie weitreichend und tiefgehend genug, um meine heile Welt zu verlassen. Es mag naiv klingen, aber aus dieser Welt wurde ich erst „herausgerissen“ als ich hier vor den vielen Soldatengräbern stand, die Todesdaten aus den Jahren 2014 und 2015 tragen. Erst, als ich den Trauerzug sah, der aus der Kathedrale hier in Ivano kam, und der mit vielen Blumenkränzen einen „Staatshelden“ ehrte, der im Osten gefallen war. Und ganz besonders, als sich Anfang November ein mir bekannter Malteservoluntär verabschiedete, weil er an die Front musste. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, was ausnahmsweise nicht (nur) an der Sprachbarriere lag. Auch auf deutsch wären mir da nicht die richtigen Worte eingefallen, wenn es sie denn gibt. Obwohl ich ihn nur kurz und flüchtig kannte, denke ich oft an ihn und wie es ihm wohl geht. Was muss er dort machen? Was muss er mit ansehen und aushalten? Wie wird ihn dieser Krieg verändern? Und manchmal auch ganz leise die Frage: Was, wenn er gar nicht lebend zurückkehrt? Das sind nur einige Beispiele von Situationen, die mich betroffen machen und direkt spüren lassen, dass im Land in dem ich lebe Krieg herrscht. Ich weiß nicht, was die ukrainischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mit denen ich hier zu tun habe sich vorstellen, wenn sie an die Zukunft denken. Was die jungen Männer, die eingezogen werden, um zu kämpfen denken und was sie sich wünschen für ihre Zukunft. Darf man überhaupt Träume haben, wenn man im Krieg kämpfen muss oder fügt man sich damit selbst noch mehr Leid zu als nötig? Leider reichen meine Sprachkenntnisse häufig nicht aus, um ein Gespräch auf dieser Ebene führen zu können. Das macht mich traurig, weil ich weiß, dass ich keinem dieser Menschen etwas von der Last, die er trägt, abnhemen kann. Ich bin in einer ganz anderen Situation und mein Heimatland, Deutschland, bietet mir Zukunftsperspektiven von denen die meisten hier nicht zu träumen wagen. Es schmerzt mich tief, dass die einzige Perspektive junger Männer, die genauso alt sind wie ich, momentan häufig das Kämpfen für ihr Land im Krieg ist. Was ich gelernt habe ist, dass zu schätzen was mir geschenkt ist, durch die einfache Tatsache in einem friedlichen, sicheren und funktionierenden Sozialstaat geboren zu sein. Ich erfahre immer wieder konkret, was ein Krieg alles zerstören kann und wieviel Frieden wirklich bedeutet und wert ist.

"Auf dass 2016 besser wird“, war ein häufig gesprochener und geschriebener Satz zum neuen Jahr. Dass wünsche ich mir und vor allem all den lieben Menschen, die ich hier schon kennenlernen durfte auch!